Der Flachs (DEUTSCH) - The flax (ENGLISCH)


Der Flachs


The flax

Der Flachs stand in voller Blüte. Er hatte so schöne blaue Blumen, die waren zart wie Mottenflügel und noch zarter. Die Sonne beschien den Flachs, und die Regenwolken begossen ihn, und das tat ihm ebenso gut, wie es kleinen Kindern tut, wenn sie gewaschen werden und dann einen Kuß von der Mutter bekommen. Sie werden ja nur schöner davon. Und das wurde der Flachs auch.
The flax was in full bloom; it had pretty little blue flowers as delicate as the wings of a moth, or even more so. The sun shone, and the showers watered it; and this was just as good for the flax as it is for little children to be washed and then kissed by their mother. They look much prettier for it, and so did the flax.

"Die Leute sagen, ich stehe ganz ausgezeichnet," sagte der Flachs, "und ich werde so herrlich lang, daß ich ein prächtiges Stück Leinen geben werde. Nein, wie glücklich ich doch bin. Ich bin bestimmt der Glücklichste von allen. Ich habe es so gut, und ich soll noch zu etwas werden. Wie der Sonnenschein belebt, und wie der Regen schmeckt und erquickt. Ich bin unsagbar glücklich, ich bin der Allerglücklichste."
"People say that I look exceedingly well," said the flax, "and that I am so fine and long that I shall make a beautiful piece of linen. How fortunate I am; it makes me so happy, it is such a pleasant thing to know that something can be made of me. How the sunshine cheers me, and how sweet and refreshing is the rain; my happiness overpowers me, no one in the world can feel happier than I am."

"Ja, ja, ja" sagten die Zaunpfähle, "Du kennst die Welt nicht, aber wir kennen sie. Wir haben Knorren in uns!" Und dann knackten sie ganz jämmerlich:
"Ah, yes, no doubt," said the fern, "but you do not know the world yet as well as I do, for my sticks are knotty;" and then it sung quite mournfully–

"Schnipp, schnapp, schnurre,
"Snip, snap, snurre,

Basse lurre:

Aus ist das Lied."
The song is ended."

"Nein, das ist es nicht" sagte der Flachs. "Die Sonne scheint am Morgen, der Regen tut so wohl, ich kann hören, wie ich wachse, ich kann fühlen, wie ich blühe! Ich bin der Allerglücklichste."
"No, it is not ended," said the flax. "To-morrow the sun will shine, or the rain descend. I feel that I am growing. I feel that I am in full blossom. I am the happiest of all creatures."

Aber eines Tages kamen Leute, nahmen den Flachs beim Schopfe und rissen ihn mit Stumpf und Stiel aus, das tat weh. Er wurde in Wasser gelegt, als sollte er ertränkt werden, und dann kam er über Feuer, als sollte er gebraten werden. Es war schrecklich!
Well, one day some people came, who took hold of the flax, and pulled it up by the roots; this was painful; then it was laid in water as if they intended to drown it; and, after that, placed near a fire as if it were to be roasted; all this was very shocking.

"Man kann es nicht immer gut haben" sagte der Flachs. "Man muß etwas durchmachen, um etwas zu wissen."
"We cannot expect to be happy always," said the flax; "by experiencing evil as well as good, we become wise."

Aber es kam freilich recht schlimm. Der Flachs wurde gebrochen, gedörrt und gehechelt, ja, was wußte er viel, wie alles das hieß. Er kam auf den Rocken, schnurre schnurr. Es war nicht möglich, die Gedanken beisammen zu behalten.
And certainly there was plenty of evil in store for the flax. It was steeped, and roasted, and broken, and combed; indeed, it scarcely knew what was done to it. At last it was put on the spinning wheel. "Whirr, whirr," went the wheel so quickly that the flax could not collect its thoughts.

"Ich bin unsäglich glücklich gewesen!" dachte er in all seiner Pein. "Man muß zufrieden sein mit dem Guten, das man genossen halt. Froh, oh, o!" Und das sagte er noch, als er auf den Webstuhl kam. Da wurde er ein herrliches, großes Stück Leinewand. Aller Flachs, jede einzige Pflanze, kam in das eine Stück.
"Well, I have been very happy," he thought in the midst of his pain, "and must be contented with the past;" and contented he remained till he was put on the loom, and became a beautiful piece of white linen. All the flax, even to the last stalk, was used in making this one piece.

"Ja, aber das ist ja prächtig! Das hätte ich nie geglaubt Nein, wie gut es doch das Glück mit mir meint. Ja, die Zaunpfähle wußten wahrlich gut Bescheid mit ihrem:
"Well, this is quite wonderful; I could not have believed that I should be so favored by fortune. The fern was not wrong with its song of

'Schnipp, schnapp, schnurre,
'Snip, snap, snurre,

Basse lurre.'

Das Lied ist gar nicht aus. Nun fängt es erst an. Das ist doch gar zu prächtig! Ich habe ja etwas leiden müssen, aber dafür bin ich jetzt auch etwas geworden. Ich bin doch der Glücklichste von allen. Ich bin so stark und so weich, so weiß und so lang. Das ist doch etwas anderes, als nur eine Pflanze zu sein, selbst wenn man Blüten trägt. Man wird nicht gepflegt, und Wasser bekommt man nur, wenn es regnet. Jetzt habe ich Aufwartung. Das Mädchen wendet mich jeden Morgen, und mit der Gießkanne bekomme ich jeden Abend ein Regenbad; ja, die Pfarrersfrau selbst hat sogar eine Rede über mich gehalten und gesagt, daß ich das beste Stück im ganzen Kirchspiel sei. Glücklicher kann ich gar nicht werden!"
But the song is not ended yet, I am sure; it is only just beginning. How wonderful it is, that after all I have suffered, I am made something of at last; I am the luckiest person in the world– so strong and fine; and how white, and what a length! This is something different to being a mere plant and bearing flowers. Then I had no attention, nor any water unless it rained; now, I am watched and taken care of. Every morning the maid turns me over, and I have a shower-bath from the watering-pot every evening. Yes, and the clergyman's wife noticed me, and said I was the best piece of linen in the whole parish. I cannot be happier than I am now."

Nun kam das Leinen ins Haus und unter die Schere. Wie man es schnitt und riß und mit der Nähnadel hineinstach; denn das tat man. Das war kein Vergnügen. Aber aus dem Leinen wurden zwölf Stück Wäsche von der Art, die man nicht gern nennt, die aber alle Leute haben müssen. Es waren gerade zwölf.
After some time, the linen was taken into the house, placed under the scissors, and cut and torn into pieces, and then pricked with needles. This certainly was not pleasant; but at last it was made into twelve garments of that kind which people do not like to name, and yet everybody should wear one.

"Nein, sieh nur. Jetzt ist erst wirklich etwas aus mir geworden! Das war also meine Bestimmung. Ja, das ist ja wundervoll! Nun bringe ich doch der Welt Nutzen, und das ist es, was man soll, das ist das beste vergnügen! Wir sind zwölf Stück geworden, aber alle zusammen sind wir doch eins, wir sind ein Dutzend. Was ist das für ein unbeschreibliches Glück."
"See, now, then," said the flax; "I have become something of importance. This was my destiny; it is quite a blessing. Now I shall be of some use in the world, as everyone ought to be; it is the only way to be happy. I am now divided into twelve pieces, and yet we are all one and the same in the whole dozen. It is most extraordinary good fortune."

Und Jahre vergingen, – da konnten sie nicht länger mehr halten.
Years passed away, and at last the linen was so worn it could scarcely hold together.

"Einmal ist es doch vorbei!" sagte jedes Stück. "Ich hätte ja gerne noch länger gehalten, aber man darf auch nichts Unmögliches verlangen." Und dann wurden sie in Fetzen und Lumpen gerissen und glaubten, daß jetzt alles vorbei sei; denn sie wurden gehackt, gequetscht und gekocht, sie wußten selbst nicht, wie ihnen geschah und dann wurde aus ihnen herrlich feines, weißes Papier!
"It must end very soon," said the pieces to each other; "we would gladly have held together a little longer, but it is useless to expect impossibilities." And at length they fell into rags and tatters, and thought it was all over with them, for they were torn to shreds, and steeped in water, and made into a pulp, and dried, and they knew not what besides, till all at once they found themselves beautiful white paper.

"Nein, ist das eine Überraschung. Und eine angenehme Überraschung" sagte das Papier. "Nun hin ich feiner als je zuvor, und jetzt soll ich sogar beschrieben werden. Was nicht alles auf mich geschrieben werden kann. Das ist doch ein unendliches Glück." Und es wurden darauf die schönsten Geschichten geschrieben, und die Leute hörten, was darauf stand, und das war so richtig und gut, daß es die Leute viel klüger und besser machte; es war ein großer Segen, den das Papier durch die Worte verbreitete.
"Well, now, this is a surprise; a glorious surprise too," said the paper. "I am now finer than ever, and I shall be written upon, and who can tell what fine things I may have written upon me. This is wonderful luck!" And sure enough the most beautiful stories and poetry were written upon it, and only once was there a blot, which was very fortunate. Then people heard the stories and poetry read, and it made them wiser and better; for all that was written had a good and sensible meaning, and a great blessing was contained in the words on this paper.

"Das ist mehr, als ich mir hätte träumen lassen, als ich noch eine kleine blaue Blume auf dem Felde war. Wie konnte ich auch denken, das ich dazu bestimmt sei, den Menschen Freude und Wissen zu bringen. Fast kann ich es selbst nicht begreifen! Aber es ist nun einmal wirklich so. Der liebe Gott weiß, daß ich selbst gar nichts dazu getan habe, als was ich nach schwachen Kräften tun mußte, um zu leben. Und so trägt er mich von der einen Freude und Ehre zu der anderen. Jedesmal, wenn ich denke: 'Aus ist das Lied' dann gehts just zu etwas Höherem, Besseren. Nun geht es sicher auf Reisen, ich werde in der ganzen Welt herumgeschickt, damit mich alle Menschen lesen können. Das ist das Wahrscheinlichste. Früher hatte ich blaue Blumen, nun habe ich für jede Blume die herrlichsten Gedanken. Ich bin der Alleglücklichste."
"I never imagined anything like this," said the paper, "when I was only a little blue flower, growing in the fields. How could I fancy that I should ever be the means of bringing knowledge and joy to man? I cannot understand it myself, and yet it is really so. Heaven knows that I have done nothing myself, but what I was obliged to do with my weak powers for my own preservation; and yet I have been promoted from one joy and honor to another. Each time I think that the song is ended; and then something higher and better begins for me. I suppose now I shall be sent on my travels about the world, so that people may read me. It cannot be otherwise; indeed, it is more than probable; for I have more splendid thoughts written upon me, than I had pretty flowers in olden times. I am happier than ever."

Aber das Papier kam nicht auf Reisen. Es kam zum Buchdrucker, und alles, was darauf geschrieben stand, wurde gedruckt. Und es wurde ein Buch daraus, ja sogar viele hundert Bücher, denn so konnten unendlich mehr Leute Nutzen und Freude daran haben, als wenn das einzige Stück Papier, auf dem das Geschriebene stand, allein die Welt durchreist hätte und auf halbem Wege schon abgenutzt worden wäre.
But the paper did not go on its travels; it was sent to the printer, and all the words written upon it were set up in type, to make a book, or rather, many hundreds of books; for so many more persons could derive pleasure and profit from a printed book, than from the written paper; and if the paper had been sent around the world, it would have been worn out before it had got half through its journey.

"Ja, das ist auch das Allervernünftigste." dachte das beschriebene Papier. "Das ist mir gar nicht eingefallen. Ich bleibe daheim und werde einem alten Großvater gleich in Ehren gehalten. Ich bin es, auf dem alles geschrieben steht. Die Worte flossen aus der Feder gerade in mich hinein. Ich bleibe, und die Bücher reisen umher. Nun kann etwas damit geschafft werden. Nein, wie bin ich froh, wie bin ich glücklich!"
"This is certainly the wisest plan," said the written paper; "I really did not think of that. I shall remain at home, and be held in honor, like some old grandfather, as I really am to all these new books. They will do some good. I could not have wandered about as they do. Yet he who wrote all this has looked at me, as every word flowed from his pen upon my surface. I am the most honored of all."

Dann wurde das Papier zu einem Bündel zasammengebunden und auf das Bücherbrett gelegt. "Gut den Tag vollbracht, ist so süß die Nacht" sagte das Papier. "Es ist vollkommen richtig, daß man einmal gesammelt ist und zum Nachdenken kommt über das, was in einem steckt. Nun weiß ich erst genau, was ich enthalte. Und sich selbst erkennen ist der eigentliche Fortschritt. Was mag wohl nun kommen? Vorwärts geht es sicher, es geht ja immer vorwärts."
Then the paper was tied in a bundle with other papers, and thrown into a tub that stood in the washhouse. "After work, it is well to rest," said the paper, "and a very good opportunity to collect one's thoughts. Now I am able, for the first time, to think of my real condition; and to know one's self is true progress. What will be done with me now, I wonder? No doubt I shall still go forward. I have always progressed hitherto, as I know quite well."

Eines Tages wurde alles Papier auf den Kamin gelegt. Es sollte verbrannt werden; denn es sollte nicht an den Höker verkauft werden, der Butter und Puderzucker darin eingewickelt hätte. Alle Kinder im Hause standen im Kreise herum; sie wollten es auflodern und in der Asche die vielen roten Feuerfünkchen vergehen sehen, die gleichsam davonlaufen und verschwinden, eins nach dem anderen, wie Kinder, die aus der Schule kommen, und der allerletzte Funken ist der Schulmeister. Oft glaubt man, er sei gegangen, aber dann kommt er ein bißchen später als die anderen.
Now it happened one day that all the paper in the tub was taken out, and laid on the hearth to be burnt. People said it could not be sold at the shop, to wrap up butter and sugar, because it had been written upon. The children in the house stood round the stove; for they wanted to see the paper burn, because it flamed up so prettily, and afterwards, among the ashes, so many red sparks could be seen running one after the other, here and there, as quick as the wind. They called it seeing the children come out of school, and the last spark was the schoolmaster. They often thought the last spark had come; and one would cry, "There goes the schoolmaster;" but the next moment another spark would appear, shining so beautifully. How they would like to know where the sparks all went to! Perhaps we shall find out some day, but we don't know now.

Alles Papier lag in einem Bündel auf dem Feuer. Uh! wie loderte es auf I "Uh!" sagte es, und im gleichen Augenblick war alles eine Flamme. Sie schoß hoch in die Luft, so hoch, wie der Flachs nie seine kleine blaue Blüte hätte erheben können, und leuchtete, wie das weiße Linnen nie hätte leuchten können. Alle geschriebenen Buchstaben wurden einen Augenblick lang ganz rot, und alle Worte und Gedanken gingen in Flammen auf.
The whole bundle of paper had been placed on the fire, and was soon alight. "Ugh," cried the paper, as it burst into a bright flame; "ugh." It was certainly not very pleasant to be burning; but when the whole was wrapped in flames, the flames mounted up into the air, higher than the flax had ever been able to raise its little blue flower, and they glistened as the white linen never could have glistened. All the written letters became quite red in a moment, and all the words and thoughts turned to fire.

"Nun hebe ich mich gerade zur Sonne empor" sagte es in der Flamme, und es war, als ob tausend Stimmchen es aus einem Munde sagten. Und die Flamme schlug hoch durch den Schornstein hinaus; und feiner als die Flamme, ganz unsichtbar für die Augen der Menschen, schwebten kleine, winzige Wesen, ebensoviele, wie da Blumen auf dem Flachs geblüht hatten. Sie waren noch leichter als die Flamme, die sie geboren hatte, und als sie erlosch und von dem Papier nur die schwarze Asche übrig war, tanzten sie noch einmal darüber hin, und wo sie sie berührten, sah man ihre Fußspur, das waren jene roten Fünkchen, die aussahen, wie Kinder, die aus der Schule kommen, und der Schulmeister kommt als letzter. Das war ein Vergnügen mit anzusehen! Und die Kinder des Hauses standen und sangen über der toten Asche:
"Now I am mounting straight up to the sun," said a voice in the flames; and it was as if a thousand voices echoed the words; and the flames darted up through the chimney, and went out at the top. Then a number of tiny beings, as many in number as the flowers on the flax had been, and invisible to mortal eyes, floated above them. They were even lighter and more delicate than the flowers from which they were born; and as the flames were extinguished, and nothing remained of the paper but black ashes, these little beings danced upon it; and whenever they touched it, bright red sparks appeared. "The children are all out of school, and the schoolmaster was the last of all," said the children. It was good fun, and they sang over the dead ashes,–

"Schnipp, schnapp, schnurre,
"Snip, snap, snurre,

Basse lure:

aus ist das Lied."
The song is ended."

Aber die kleinen unsichtbaren Wesen sagten jedes für sich: "Das Lied ist niemals aus. Das ist das Schönste an allem. Ich weiß es, und deshalb bin ich der Allerglücklichste."
But the little invisible beings said, "The song is never ended; the most beautiful is yet to come."

Doch das konnten die Kinder weder hören noch verstehen, und das sollten sie auch nicht, denn Kinder brauchen nicht alles zu wissen.
But the children could neither hear nor understand this, nor should they; for children must not know everything.

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